Einleitung
Ein Werktagsfrühstück im Februar: eine Kanne Kaffee auf dem Tisch, daneben ein Brett mit dunklem Roggenbrot, eine Schale Butter, ein Stück Käse, vielleicht ein paar Scheiben kalter Braten vom Vorabend. Das ist kein Frühstücksbuffet, das ist der Alltag. Wer die dänische Küche verstehen will, fängt hier an, beim rugbrød, bei der Butter, bei der Ruhe, mit der eine Scheibe nach der anderen belegt wird. Aus genau diesem täglichen Vorgang ist die spektakulärste dänische Tischkultur gewachsen, das smørrebrød. Aber dazu später.
Die Küche Dänemarks ist eine Küche der wenigen, sehr guten Zutaten. Schwein in fast jeder denkbaren Form, vom knusprig ausgebratenen flæsk bis zum Festtagsbraten mit Schwarte. Milch, Butter, Sahne, Quark, daraus eine der dichtesten Molkerei-Landschaften Europas. Roggen für das tägliche Brot, Kartoffeln aus dem Marschland, Kohl für den Winter, Hering aus der Ostsee, Plattfisch aus der Nordsee, Salzwiesenlamm vom Wattenmeer als g.g.A.-geschützte Spezialität. Es ist eine pragmatische Küche, geprägt von einem Land, das lange arm war und in dem nichts verkommen durfte. Reste werden veredelt, nicht weggeworfen. Aus übrig gebliebenem Milchreis wird ein Weihnachtsdessert.
Gekocht wird in Dänemark seit Generationen vor allem zu Hause. Die bürgerliche Hausmannskost, das hjemmelavet mad, ist Maßstab und Erinnerung zugleich. Daneben gibt es zwei Pole, die die dänische Esskultur weit über die Landesgrenzen bekannt gemacht haben. Auf der einen Seite die Hochkultur der Kopenhagener smørrebrød-Häuser, deren Tradition in den 1880er-Jahren bei Oskar Davidsen Form annahm. Auf der anderen Seite die neue nordische Küche, die Kopenhagen in den 2000er-Jahren weltweit bekannt gemacht hat. Zwischen beiden, ganz selbstverständlich, steht der pølsevogn an der Straßenecke, der Würstchenwagen, ohne den eine dänische Stadt nicht vollständig ist.
Dänemark hat genau ein offizielles Nationalgericht, und es ist ein Alltagsgericht, kein Festessen: stegt flæsk med persillesovs, knuspriger Schweinebauch mit Petersiliensoße und Kartoffeln. 2014 wurde es in einer Publikumsabstimmung gewählt, smørrebrød kam auf den zweiten Platz. Die Wahl sagt viel über das Land: Die Dänen entscheiden sich für das, was am Donnerstag auf dem Tisch steht, nicht für das Spektakel.
Geografisch ist Dänemark ein Land aus Halbinsel und Inseln, ringsum Wasser, im Süden eine Landgrenze mit Deutschland. Diese Grenze ist auch eine kulinarische Naht. Südjütland gehörte lange zum Herzogtum Schleswig, und das schmeckt man bis heute in der Kaffeetafel, im Hang zu deftigen Schweinegerichten, in einer Backtradition, die sich von der norddeutschen kaum trennen lässt. Auf den Inseln verschiebt sich der Akzent. Fünen ist Obst- und Gemüseland, Bornholm in der Ostsee lebt vom geräucherten Hering, Seeland vom Hafen Kopenhagen und vom Schwemmland des Lammefjords.
Und dann ist da die Süße. Eine eigene Welt aus Hefeteig, Butter, Mandeln und Kardamom. Das wienerbrød, im Ausland schlicht „Danish“ genannt, ist nach verbreiteter Überlieferung im 19. Jahrhundert entstanden, als Wiener Bäcker während eines Streiks der dänischen Kollegen einsprangen und den tourierten Butterteig mitbrachten, bei dem Butter in vielen dünnen Lagen in den Teig eingeschlagen wird. Aus dieser Verbindung entstand ein Gebäck, das heute als dänisch gilt, obwohl sein Name nach Wien zeigt. Die dänische Küche ist voll von solchen kleinen Geschichten. Sie übernimmt, ändert ab, macht es zu ihrem, und am Ende heißt es bare dansk, einfach dänisch.
Die folgenden Kapitel führen durch Regionen, Tischsitten und Rezepte. Sie beginnen mit dem Land, mit den Inseln, mit dem Wattenmeer, und sie enden in der Bäckerei.
Dänische Esskultur
Die dänische Esskultur ist eine Kultur der wiederkehrenden Rituale. Drei feste Mahlzeiten am Tag, ungefähr zur gleichen Zeit, oft am gleichen Tisch, oft mit den gleichen Bestandteilen. Das mag von außen monoton wirken, ist aber in Wahrheit ein Halt gebendes Gerüst, an dem sich Familienleben und Geselligkeit organisieren. Die Dänen haben ein Wort dafür, das international Karriere gemacht hat, hygge. Übersetzen kann man es nur ungefähr, als „Gemütlichkeit, Nähe und gemeinsame Zeit am Tisch“, als Stimmung aus Kerzenlicht und Ruhe. Hygge ist keine Folkloreaufführung, es ist eine Haltung, und die Küche ist eines ihrer wichtigsten Werkzeuge.
Der Tag beginnt mit dem morgenmad, dem Frühstück. Roggenbrot, Hafer, Joghurt, Käse, Marmelade, ein gekochtes Ei, dazu Kaffee. An Werktagen schnell, am Wochenende ausgedehnt, häufig ergänzt um wienerbrød vom Bäcker. Mittags gibt es traditionell die kalte Mahlzeit, frokost, und die ist in Dänemark eine eigene Kunstform. Frokost bezeichnet streng genommen den Mittagstisch, nicht bloß das Mittagessen, und das Wichtigste daran ist das smørrebrød. Eine Scheibe rugbrød, dünn mit Butter bestrichen, darauf ein einzelner, sorgfältig komponierter Belag. Hering in verschiedenen Marinaden, Leberpastete mit gerösteten Champignons und Speck, geräucherter Aal mit Rührei, Roastbeef mit Remoulade und Röstzwiebeln, Tatar mit rohem Eigelb, Krabben mit Mayonnaise und Dill. Jede Variante hat ihre Regeln, ihre Reihenfolge im Menü und ihre passende Begleitung. Hering kommt zuerst, dann der andere Fisch, dann das Fleisch, dann der Käse.
Begleitet wird das frokost klassisch mit Bier und einem snaps, in der Regel ein kalter Kornbrand wie Aalborg-Akvavit, der mit Kümmel oder Dill aromatisiert sein kann. Ein skål zählt als fester Bestandteil der Mahlzeit, nicht als bloße folkloristische Geste. Wer mit Dänen am Tisch sitzt, lernt schnell, dass man sich beim Anstoßen in die Augen sieht und nicht aneinander vorbei trinkt. Solche kleinen Tischregeln werden weitergegeben, ohne dass jemand sie je aufgeschrieben hätte.
Das Abendessen, aftensmad, ist die warme Hauptmahlzeit und wird früh eingenommen, oft zwischen achtzehn und neunzehn Uhr. Hier kommen die Klassiker auf den Tisch, frikadeller mit Kartoffeln und brauner Soße, hakkebøf mit gedünsteten Zwiebeln, gekochter Fisch mit Senfsoße, stegt flæsk mit Petersiliensoße. Gemüse spielt traditionell eine begleitende Rolle, Kartoffeln eine zentrale. Wer dänisch isst, isst Kartoffeln. Gekocht, gebraten, als brunede kartofler, also in Zucker und Butter karamellisierte kleine Kartoffeln, die zu Festtagsbraten gereicht werden.
Eine Sonderstellung haben die Würstchenwagen, die pølsevogne. Das Konzept selbst, Wurst im Brötchen, stammt nicht aus Dänemark; es ist eine Adaption deutscher Vorbilder. Die ersten Wagen fuhren in Aarhus im Jahr 1917, in Kopenhagen folgten die ersten sechs am 18. Januar 1921 auf Initiative von Charles Svendsen Stevns. Was die Dänen daraus gemacht haben, ist eigenständig. Die rote Wurst, røde pølse, in leuchtend signalroter Hülle, geht nach verbreiteter Überlieferung auf rot gefärbte, preisgünstig verkaufte Würste älterer Produktion zurück und wurde später zum Markenzeichen. Dazu Remoulade in dänischer Variante, also milder und gelber als die französische, dazu Röstzwiebeln, ristede løg, geschnittene rohe Zwiebeln, agurkesalat aus dünn gehobelten Gurken mit Essig, und Senf. Ein fransk hotdog steckt die Wurst in ein längs angebohrtes Brötchen mit Soße im Inneren. Ein ristet hotdog ist die Variante mit gebratener Wurst im weichen Pølsebrød.
Das Festessen folgt eigenen Regeln. Zu Weihnachten gehört in fast jedem Haushalt flæskesteg oder Ente, dazu Rotkohl, brunede kartofler, weiße gekochte Kartoffeln und braune Soße. Als Nachtisch risalamande, kalter Milchreis mit gehackten Mandeln, Vanille und Sahne, dazu warme Kirschsoße. In der Schüssel ist eine ganze, ungehackte Mandel versteckt, und wer sie findet, bekommt die mandelgave, ein kleines Geschenk, traditionell eine Marzipanfigur. Das Ritual ist französischen Ursprungs, die Bohne im Kuchen, in dänische Form gegossen. Risalamande selbst ist eine bürgerliche Weiterentwicklung des einfachen risengrød und war schon im späten 19. Jahrhundert gedruckt belegt; Frøken Jensens Kogebog von 1901 machte es in der dänischen Hausküche besonders bekannt. Der Name ist französisch, das Gericht dänisch.
Eine Eigenheit der dänischen Politik findet sich in der Küche wieder. Valgflæsk, „Wahlspeck“, bedeutet seit dem 19. Jahrhundert leere Wahlversprechen; in neuerer Zeit wurde daraus auch ein Wortspiel am Tisch, wenn an Wahlabenden stegt flæsk serviert wird. So bekommt das politische Wort am Esstisch eine zweite, ganz konkrete Bedeutung. Dass dieses Alltagsgericht 2014 zum Nationalgericht gekürt wurde und nicht etwa das spektakulärere smørrebrød, war eine Entscheidung für das, was wirklich gegessen wird, und nicht für das, was schön aussieht.
In den 2000er-Jahren ist Kopenhagen zum Zentrum einer neuen nordischen Bewegung geworden, die das Selbstverständnis der dänischen Gastronomie verändert hat. Wildkräuter, fermentierte Beeren, Algen, lokale Wurzeln, Fermentation in vielen Formen. Diese gehobene Gastronomie bleibt eine Inseldisziplin, aber sie hat zurück in die Hausküchen gewirkt. Auf vielen dänischen Tischen findet man heute Sauerkraut aus eigener Produktion, eingelegte Holunderkapern, fermentierte Knoblauchpasten. In Dänemark liegen Tradition und Avantgarde oft auf demselben Tisch.
Regionale Küchen
Seeland und Kopenhagen: Hauptstadtregion und Spitzenküche
Auf Seeland trifft alles aufeinander, was die dänische Küche ausmacht. Der Hafen Kopenhagen versorgte die Stadt seit dem Mittelalter mit Fisch aus dem Øresund, das Hinterland mit Schwein und Milch. Hier entstand in den 1880er-Jahren beim Familienbetrieb Davidsen die Hochkultur des smørrebrød, die belegte Roggenbrotscheibe als bürgerliches Mittagsritual. Stjerneskud, das „Sternschnuppe“ heißt und eine Komposition aus Scholle, Krabben und Spargel ist, gilt bis heute als eine der ikonischen Varianten der Stadt.
Nordwestlich der Hauptstadt liegt der Lammefjord, ein ehemaliger Meeresarm, der ab 1873 trockengelegt wurde. Der schwarze, fast schlackeartige Marschboden liefert Karotten und Kartoffeln von außergewöhnlicher Qualität, beide EU-geschützt als Lammefjordsgulerod und Lammefjordskartofler. Diese Wurzeln tauchen heute in den anspruchsvollen Restaurants der Hauptstadt ebenso auf wie auf dem Wochenmarkt. Die zeitgenössische Spitzenküche der Stadt, getragen unter anderem von der neuen nordischen Bewegung, hat aus regionalen Zutaten dieser Art eine eigene Handschrift entwickelt.
Nordjütland: Limfjord, Grünkohl und Traumkuchen
Der Norden Jütlands ist die Region des Limfjords, der die Halbinsel in West-Ost-Richtung durchschneidet und seit Jahrhunderten Austern, Muscheln und Plattfisch liefert.
Die Küche ist deftig, bäuerlich, geprägt von langen Wintern und kurzen, hellen Sommern. Grønlangkål, geschmorter Grünkohl mit Sahne und Butter, gehört zu den definierenden Wintergerichten und wird oft zu gekochtem Schinken oder zu medisterpølse gereicht.
Aus dem kleinen Ort Brovst stammt einer der berühmtesten Kuchen des Landes, die drømmekage fra Brovst. Ein heller Rührkuchen, der nach dem Backen mit einer heißen Mischung aus Butter, Zucker und Kokosflocken übergossen wird, die im Ofen karamellisiert. Drømmekage heißt Traumkuchen, und der Name ist ehrlich.
Westjütland: Nordseewind, Wattenmeer und Salzwiesenlamm
Westjütland ist die raue Seite der Halbinsel. Hier weht der Wind ungebremst von der Nordsee, hier prägt das Wattenmeer Land und Tisch. Aus diesem Wattenmeer kommt Vadehavslam, das Salzwiesenlamm, EU-geschützt als g.g.A. Die Tiere weiden auf den salzhaltigen Wiesen vor dem Deich, das Fleisch ist mineralisch, leicht würzig, ohne den oft starken Lammgeschmack der Bergrassen.
Aus dem Raum Esbjerg und Fanø stammt bakskuld, ein gesalzener, getrockneter und leicht geräucherter Plattfisch, traditionell Klieschen oder Flunder. Früher Arbeiterkost der Hafenstadt, heute Spezialität, die zu Roggenbrot mit Butter gereicht wird. Westjütland ist auch das Land der Heringsbuden und der einfachen Fischer-Mittagessen, bei denen Senfsoße und Roggenbrot das Wichtigste sind.
Südjütland: die Grenzküche und das Kaffeebord
Südjütland, Sønderjylland, ist die Region südlich der Königsau und gehörte als Teil des Herzogtums Schleswig lange zum dänisch-deutschen Grenzraum. Diese doppelte Identität schmeckt man bis heute. Solæg, hartgekochte Eier in Salzlake, sind Wirtshausklassiker, ringriderpølse ist die Wurst, die zum traditionellen Ringreiterfest gehört, einem dänisch-deutschen Reiterturnier im Sommer.
Das berühmteste sønderjysk Ritual aber ist das sønderjysk kaffebord, die südjütische Kaffeetafel, bei der nach der Zahl der aufgetragenen Kuchensorten gerechnet wird. Es gibt weiche und harte Kuchen, gedeckte Kuchen und Plätzchen, und die Regel besagt, dass man von jeder Sorte wenigstens probiert. Ursprünglich entstand das Ritual aus der Zeit, in der unter preußischer Herrschaft öffentliche dänische Versammlungen schwierig waren und Kaffeetafeln als gesellige Ersatzform dienten.
Fünen: Garten Dänemarks und Räucherquark
Fünen, die große Insel zwischen Jütland und Seeland, trägt den Beinamen Garten Dänemarks. Der lehmige Boden, das milde Klima und die geschützte Lage zwischen den Belten sorgen für gute Obst- und Gemüseernten. In Odense wurde 1805 Hans Christian Andersen geboren, was die Insel kulinarisch zwar nicht prägt, ihr aber einen festen Platz im kulturellen Gepäck der Dänen verschafft.
Aus Fünen stammt rygeost, ein geräucherter Frischkäse, der über glimmendem Stroh und Hafer geräuchert und mit Kümmel oder Schnittlauch gewürzt wird. Eine der wenigen Käsespezialitäten mit klar dänischer, regionaler Herkunft. Dazu kommt brunsviger, ein flacher Hefekuchen vom Blech mit einer dicken Schicht aus Butter, braunem Zucker und Sirup, die beim Backen karamellisiert. Fynsk æggekage, eine dicke Eierspeise aus der Pfanne mit Speck, Schnittlauch und Tomate, ist das klassische Mittagessen der Insel.
Bornholm: die Räucherinsel
Bornholm liegt weit östlich des Festlands in der Ostsee, näher an der schwedischen Küste als an Seeland. Das Klima ist milder als auf dem Festland, das Licht klarer, und die Insel lebt seit jeher vom Hering. Die røgerier, die Räuchereien mit ihren weißen Schornsteinen, prägen das Küstenbild. Geräuchert wird über Erlenholz, traditionell offen über dem Feuer.
Das definierende Gericht der Insel ist sol over Gudhjem, „Sonne über Gudhjem“, benannt nach einem Räucherort an der Nordküste. Eine Scheibe Roggenbrot wird mit geräuchertem Hering belegt, darüber Schnittlauch, Radieschen und ein rohes Eigelb, das wie eine kleine Sonne auf dem Brot sitzt. Dazu Salz, Pfeffer und ein Schnaps. Ein schlichtes Gericht, sehr bornholmisch.
Ganz Dänemark: die gemeinsame Basis
Vieles in Dänemark lässt sich keiner Region zuordnen, weil es überall zu Hause ist. Rugbrød, das dunkle Roggenbrot, oft mit ganzen Körnern und Saaten, ist die Grundlage jeder Mahlzeit. Frikadeller, die flach ovalen Buletten aus Schweine- und Kalbshack, stehen mindestens einmal pro Woche auf dem Tisch. Flæskesteg, der Schweinebraten mit Schwarte, ist Sonntagsessen und Weihnachten in einem. Rødgrød med fløde, rote Beerengrütze mit Sahne, ist Sommerdessert und Lautübung für Ausländer zugleich. Risalamande, der Milchreis mit gehackten Mandeln und Kirschsoße, gehört untrennbar zum 24. Dezember. Wienerbrød ist Frühstück, Pausensnack und Nachmittagskaffee. Diese Klassiker bilden die gemeinsame Grundlage, auf der die Regionen ihre eigenen Varianten entwickeln.
Dänemark ist klein, aber kulinarisch nicht uniform. Drei Großräume strukturieren die Karte. Jütland, die Halbinsel mit der deutschen Landgrenze, deftig, bäuerlich, im Westen vom Wattenmeer, im Osten vom Kattegat gerahmt. Fünen, die Garteninsel in der Mitte. Und Seeland mit Kopenhagen, die Hauptstadtregion, die seit dem 19. Jahrhundert den Ton angibt. Dazu kommen Bornholm in der Ostsee mit eigener Räucherkultur und die Färöer und Grönland im Rigsfællesskab, die hier nicht im Fokus stehen.
Die Kunst des Smørrebrød
Smørrebrød heißt wörtlich „Butterbrot“, und das ist die ehrlichste und gleichzeitig irreführendste Übersetzung der dänischen Küchensprache. Ein Butterbrot ist es nur in seinem ersten Schritt. Was darauf folgt, hat mit dem deutschen Pausenbrot so viel zu tun wie ein japanisches Nigiri mit einem Fischstäbchen. Smørrebrød ist Architektur auf einer Scheibe Brot. Ein einzelner, vollständiger Gedanke, kein Snack.
Die Grundlage ist immer dieselbe. Eine dünne Scheibe rugbrød, dunkel, dicht, leicht säuerlich, oft mit ganzen Roggenkörnern, Sonnenblumenkernen, Leinsaat. Roggenbrot, das mit Sauerteig geführt wird und das in Dänemark traditionell in rechteckigen Formen gebacken wird, sodass die Scheiben gleichmäßig sind. Auf die Scheibe kommt eine sparsame, aber gleichmäßige Schicht Butter, gesalzen, kalt, mit dem Messer dicht an die Ränder gestrichen. Diese Butter ist nicht Schmiermittel, sie ist Isolierschicht. Sie verhindert, dass feuchte Beläge wie Hering oder Krabben das Brot durchweichen.
Die Beläge folgen Regeln, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert kodifiziert sind. In den 1880er-Jahren etablierte die Familie Davidsen in Kopenhagen das, was heute als klassisches smørrebrød gilt. Eine Karte mit Dutzenden Varianten, jede mit eigenem Namen, oft mit poetischen oder ironischen Titeln. Stjerneskud, „Sternschnuppe“, besteht aus einer Scheibe Toast oder Roggenbrot, einem panierten und einem gedämpften Stück Scholle, Krabben aus dem Nordsee- oder Limfjordbestand, Spargel, Mayonnaise und einer Garnitur aus Dill und Zitrone. Dyrlægens natmad, „Tierarztabendbrot“, trägt Leberpastete, eine Scheibe gepökeltes Rindfleisch, eingelegte Zwiebeln und Kresse. Pariserbøf ist ein gebratenes Hacksteak auf Toast, serviert mit rohem Eigelb, Kapern, Zwiebeln, Roter Bete und Meerrettich.
Das Vokabular der Beläge ist groß. Hering, sild, in vielen Marinaden, von der schlichten Essigvariante über Senfsild bis zur scharfen Tomatensoße. Geräucherter Aal mit Rührei, røget ål med røræg. Geräucherter Lachs mit Sahnemeerrettich, røget laks. Roastbeef, dünn aufgeschnitten, mit Remoulade, Röstzwiebeln und einer eingelegten Gurkenfächerscheibe. Frikadeller, kalt, mit Rotkohl. Leverpostej, die typisch dänische Leberpastete aus Schweineleber, mit gerösteten Champignons und einem Streifen Speck. Käse, etwa würziger Danablu auf dunklem Brot mit einer Scheibe Aspik, oder mild-buttriger Esrom mit Radieschen.
Smørrebrød hat eine eigene Grammatik der Reihenfolge. Wer ein klassisches frokost mit mehreren Stücken isst, beginnt mit dem Hering, geht weiter zu anderen Fischsorten, dann zu warmem Fisch, dann zu Fleisch, schließt mit Käse ab. Dazu ein øl, ein Bier, und ein eiskalter Akvavit. Diese Reihenfolge hat einen praktischen Grund, sie ist nicht bloß Etikette. Hering und Lake verlangen am Anfang einen klaren Gaumen; Käse gehört ans Ende, wenn die Mahlzeit ausklingt und die letzten Gläser Akvavit getrunken werden.
Handwerklich ist smørrebrød ein Beruf. In Kopenhagen bilden Restaurants wie Schønnemann, Aamanns oder Restaurant Kronborg eigene smørrebrødsjomfruer und smørrebrødsherrer aus, also Smørrebrød-Spezialistinnen und -Spezialisten, die jahrelang die Reihenfolge des Aufbaus üben. Die Butter zuerst. Dann die feuchte Basis, etwa Salat oder eine dünne Schicht Pastete. Dann das Hauptprodukt, sorgfältig drapiert. Dann die Garnitur: nie zufällig, aber auch nicht überladen. Eine Scheibe Zitrone, eine Spitze Dill, ein Tupfen Kaviar, ein paar Röstzwiebeln. Ein gutes smørrebrød ist nicht überladen, es ist genau berechnet.
Zu Hause ist smørrebrød einfacher und nicht weniger ehrlich. Der Kühlschrank wird zur Bühne. Reste vom Vorabendbraten, ein Stück Käse, ein Glas eingelegter Hering, ein Beutel ristede løg. Daraus entsteht das pålægsbord, wenn an Sonntagen aufgebaut wird, mit zehn oder mehr Schüsseln, aus denen sich jeder selbst bedient. Es ist die familiäre Variante des frokost und das Gegenstück zur restaurantgebundenen Davidsen-Tradition.
Dass smørrebrød 2014 bei der Wahl zum Nationalgericht auf den zweiten Platz kam, hinter stegt flæsk, ist symptomatisch. Das tägliche Brot mit Belag ist so selbstverständlich, dass es fast unter die Wahrnehmung rutscht. Erst wenn der Belag aufwendig komponiert wird, sehen die Dänen wieder, dass sie eine eigene Tischkultur haben. Smørrebrød ist Alltagsbrot und Aushängeschild zugleich. Genau deshalb funktioniert es.
Und das wichtigste Werkzeug? Das Messer. Smørrebrød wird mit Messer und Gabel gegessen, niemals mit der Hand. Wer eine Scheibe mit den Fingern nimmt, tut das im familiären Rahmen und wird höchstens belächelt. Aber im Restaurant gehört das Besteck zum Brot wie der Akvavit zum Hering.
Woher dieser Text stammt
Dieses Porträt ist kein Werbetext, sondern der Hintergrundteil des Bandes Dänemark: dieselbe Recherche, dasselbe Lektorat, dieselbe Gegenlesung. Im Buch folgen darauf 140 Rezepte in 10 Kapiteln, dazu 6 zusammengestellte Menüs, eine Warenkunde und ein Einkaufsratgeber. Die stehen hier bewusst nicht.
Zum Mitkochen
Fischfrikadellen
Ein vollständiges Rezept aus dem Band, frei zugänglich.